Die Schmerzen WEGSTECHEN

 

Migräne, Heuschnupfen, Schlafstörungen – AKUPUNKTUR hilft oft besser als Tabletten. Und das fast ohne Nebenwirkungen. Wie funktioniert die sanfte Heilmethode aus China?

Als den bereits verwundeten Krieger ein Pfeil traf – zum Glück nur leicht am Handgelenk –, passierte Erstaunliches: Seine Schmerzen liessen nach, und die offene Wunde heilte in kürzester Zeit. Schenkt man dieser alten Legende aus China Glauben, verdankt der Mensch die Entdeckung der Akupunktur dem Zufall. Rätselhaft ist, wie die fernöstliche Therapie genau wirkt. Aber dass sie wirkt, zeigen immer mehr Studien. «Keine andere Methode aus der Komplementärmedizin ist so weit verbreitet und so gut untersucht wie die Akupunktur», sagt der Arzt Johannes Fleckenstein, Leiter des Fachbereichs für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) und Akupunktur an der Universität Bern.

Die Idee, mit Stechen zu heilen, ist uralt. Archäologische Funde legen nahe, dass die Menschen bereits 5000 Jahre vor Christus Steinsplitter zur Therapie verwendeten. Das erste schriftliche Zeugnis zur Akupunktur stammt aus dem 2. Jahrhundert vor Christus: Der chinesische Historiker Sima Qian erwähnt in seinen Aufzeichnungen Steinnadeln. Heute wird in der Akupunktur (lat. acus = Nadel, lat. pungere = stechen) mit feinen Stahl-, Gold- oder Silbernadeln gearbeitet. Der Therapeut setzt sie an bestimmten Stellen des Körpers unterschiedlich tief in die Haut – meist sind es wenige Millimeter – und lässt sie dort für 20 bis 30 Minuten stecken.

 

Operation erspart

 

Von Heuschnupfen bis Schlafstörungen: Behandelt werden mit Akupunktur unterschiedlichste Krankheiten. Besonders gut wirkt sie bei Schmerzen. Studien zeigen, dass die Nadeln bei Kniearthrose, Kopf und chronischen Rückenschmerzen sowie bei Migräne helfen, und zwar teilweise besser als die Schulmedizin. In vielen Schmerzambulatorien von Spitälern gehört Akupunktur zum Behandlungsangebot. Auch in Geburtskliniken kommt sie häufig zum Einsatz. «Gerade für Schwangere und Gebärende bietet die Nadeltherapieeinen grossen Vorteil», sagt Johannes Fleckenstein. «Sie hat fast keine Nebenwirkungen.»

Denise Mathieu kämpfte jahrelang mit Migräne. Triptane, das sind Schmerzmittel gegen Migräne, halfen der 40-jährigen Juristin mehr schlecht als recht. Sie versuchte es mit Akupunktur – aus reiner Verzweiflung. «Ich war anfangs mehr als skeptisch.» Doch nach einigen Monaten reduzierten sich ihre Migräne-Anfälle. Heute braucht sie statt zehn nur noch zwei Tabletten pro Monat. Auch Helen Kurashima, 55, suchte Hilfe bei der fernöstlichen Medizin, weil sie dauernd erkältet war. «Seit ich mich akupunktieren lasse, habe ich keinen Infekt mehr. Ich fühle mich frischer und bin nicht mehr so müde.» Ebenfalls gebessert hat sich ihr Karpaltunnelsyndrom, eine Erkrankung, bei der die Finger durch eine Nerveneinklemmung an der Handwurzel taub werden. «Bevor ich mit Akupunktur anfing, sah es aus, als müsste ich die Hand operieren lassen», sagt sie. «Das bleibt mir jetzt vermutlich erspart.»

 

Die Kräfte von Yin und Yang

 

Akupunktur gehört zur Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Sie beruht auf der Theorie von Yin und Yang, zwei Kräften, die zueinander stehen wie Nacht und Tag oder Kälte und Wärme. Auch der menschliche Organismus wird der chinesischen Lehre nach von Yin und Yang bestimmt. Zu den Yang-Organen gehören der Magen, die Gallen- und Harnblase und der Darm. Yin-Organe sind Leber, Herz, Milz, Lungen und Nieren. Das Wechselspiel von Yin und Yang bringt die Lebensenergie Qi hervor. Sie strömt durch sogenannte Leitbahnen, auch Meridiane genannt. Das sind Energiebahnen, die den Körper durchziehen wie Flüsse eine Landschaft. Sind Yin und Yang im Gleichgewicht, kann die Lebensenergie Qi ungehindert durch den Körper fliessen. Krankheiten entstehen, besagt die Lehre, wenn das Yin-Yang-System gestört und die Lebensenergie dadurch blockiert ist. Auf den Leitbahnen befinden sich mehr als 360 Akupunkturpunkte, über die das Fliessen der Lebensenergie beeinflusst werden soll. «Ich vergleiche die Punkte gerne mit einem Schleusensystem», sagt die Akupunktur-Therapeutin Catherine Asfour aus Zürich. «Wo sich zum Beispiel Energie staut, öffne ich mit Hilfe der Nadel eine Schleuse.» Um herauszufinden, wo im Körper energetische Ungleichgewichte bestehen, befragt Catherine Asfour ihre Patienten und schaut sich deren Zunge an. «Ich achte darauf, wie die Zunge geformt ist, welche Farbe sie hat und wie der Zungenbelag aussieht», erklärt sie. «So erhalte ich Hinweise über den energetischen Zustand des Patienten.» Auch der Puls, den die Therapeutin am Handgelenk fühlt, liefert ihr Informationen über jedes Organ.

Wissenschaftlich belegt ist die Existenz von Leitbahnen, Qi und Energieblockaden nicht. Dennoch erzielt die Nadeltherapie eine Wirkung im Körper. Durch die Nadelung werden Botenstoffe freigesetzt, die schmerzlindernd wirken. Ebenfalls nachgewiesen haben die Forscher eine Wirkung auf die Schmerzverarbeitung. «Im Rückenmark zum Beispiel werden Mechanismen beeinflusst, die dazu führen, dass Schmerzreize weniger stark wahrgenommen werden», sagt der Schmerzarzt und TCM-Mediziner Johannes Fleckenstein. Auch psychologische Mechanismen spielen bei der Akupunktur eine Rolle. Fühlt sich ein Patient durch das Gespräch ernst genommen und glaubt er an den Nutzen der Behandlung, wirkt sie besser. Das erklärt, warum auch Pillen ohne Wirkstoff (Placebos) einen gewissen Effekt haben können. «Solche unspezifischen Effekte sind bei der Akupunktur besonders ausgeprägt», sagt Johannes Fleckenstein. «Der Therapeut nimmt sich in der Regel viel Zeit, fragt nach den Lebensumständen und führt eine körperliche Untersuchung durch. All das beeinflusst die Erwartungshaltung des Patienten positiv.»

 

Mehr als bloss ein Placebo

 

In den letzten Jahren diskutierten Wissenschaftler darüber, ob der Erfolg der Akupunktur vor allem auf diesen unspezifischen Effekten beruht. Einzelne Studien hatten gezeigt, dass es keine Rolle spielt, ob die Therapeuten die klassischen Akupunkturpunkte behandelten oder die Nadeln irgendwo auf dem Körper setzten – die Wirkung schien nahezu dieselbe zu sein. Neuere Untersuchungen deuten jedoch darauf hin, dass die richtige Akupunktur besser wirkt als die Scheinakupunktur. «Die Diskussion ist noch nicht beendet», sagt Johannes Fleckenstein. «Sicher ist aber, dass Akupunktur weit mehr ist als bloss ein Placebo.» Helen Kurashima ist es nicht so wichtig, warum die Akupunktur wirkt. «Sie wirkt, und das ist für mich die Hauptsache.» Die Filialleiterin geniesst die Behandlungen, sie kann sich dabei gut entspannen. Migräne-Patientin Denise Mathieu fand die Vorstellung, von Nadeln gestochen zu werden, anfangs fürchterlich. Inzwischen hat sie sich daran gewöhnt. «Wirklich schmerzhaft ist die Prozedur nicht.» Auch sie geht mittlerweile gerne zur Akupunktur. «Kürzlich bin ich dabei sogar eingeschlafen.» Wer einen Akupunktur-Therapeuten sucht, wählt am besten ein Mitglied in einem Fachverband. So ist gewährleistet dass er über eine gute Ausbildung verfügt und sich regelmässig weiterbildet. Wer einen Arzt auswählt, der eine FMH-Zusatzausbildung in Akupunktur hat, kann über die Grundversicherung abrechnen. Handelt es sich um einen nichtärztlichen Therapeuten, übernehmen die Zusatzversicherungen der Krankenkassen einen Teil der Kosten. Erkundigen Sie sich bei Ihrer Krankenkasse.